Dieses Konzert tut gut
Berchtesgadener Anzeiger vom 15.06.2011
Berchtesgaden - Zwei Stunden Musik pur, voller Körpereinsatz aus ganzer Seele und eine halbstündige Zugabe begeisterten die »Blinden Musiker München« bei ihrer Berchtesgadener Premiere ihr Publikum. Der kleine Saal im Kongresshaus war voll besetzt. Der Funke sprang schnell über, zumal die Musiker als Hommage an das Berchtesgadener Land in Lederhosen und Dirndl gekommen waren.
Die Zuhörer beeindruckten nicht nur das Niveau der Darbietungen und das Können der Musiker, die alles ohne Noten und voller Hingabe spielten, sondern auch die Atmosphäre im Saal. »Das Konzert tut gut«, befand Dekan Peter Demmelmair in der Pause.
Nach dem fetzigen Auftakt mit der Amtsgerichtspolka aus der gleichnamigen Fernsehserie stellte Jörg Schiener, das einzige gebürtige Münchner Kindl im Ensemble, mit lustigen Gstanzln die Gruppe vor, die wie alle Musikanten dem Bier, den Weißwürsten und den schönen Seiten des Lebens zugetan ist. Auf charmante, spritzige Weise führte Johannes Gruber, der Organisationsleiter der Blinden Musiker München, durch den weiteren Abend.
In einer Barock-Einlage, unter anderem mit einer »Canzona Seconda« von Giovanni Gabrieli und vier »Altdeuschen Tänzen« von Michael Praetorius, faszinierten die Musiker mit frischen, klaren, strahlenden Trompeten und klangvollen Hörnern. Mit tänzerischer Lockerheit und zugleich absolut exakt spielten die sich abwechselnden Instrumentengruppen einander zu.
Viel Gemüt hatten drei bayerische Lieder der neuen und insgesamt dritten CD: »Aufs Tanz'n bin i ganga«, das poetische Herbstlied »S'letzte Blattl« und »Der Speisezettel«. Diese köstlich komische und gekonnt a capella gesungene musikalische Umsetzung eines Zwiegesprächs zwischen einem Gast und einer Bedienung gefiel dem Publikum so, dass der »Speisezettel« als Zugabe wiederholt werden musste. Am Rande verriet Gruber, dass der Wirt eines bekannten Münchner Biergartens mit den Musikern wettete, dass sie nicht alle Gerichte essen können, von denen sie da singen, woraufhin er die Wette verlor und alles bezahlen musste. Gruber: »Mittlerweile haben wir die Wette schon fünf Mal gewonnen.«
Bei den Chornummern verblüffte die Eigenständigkeit jedes einzelnen Sängers bei gleichzeitigem Ensemblegeist und klanglicher Einheit. Das Spektrum war äußerst vielseitig: vom humorvollen »Die Braut vom Alexander« der Comedian Harmonists über lautmalerisch gesetzte Volkslieder wie »Es klappert die Mühle« und »Ein Jäger aus Kurpfalz« bis hin zum ausdrucksstarken, schlichten Chorsatz »Ännchen von Tharau«.
Ein Höhepunkt des Konzerts war das Largo aus dem Concerto in C-Dur von Antonio Vivaldi, an der Altflöte zu Herzen gehend mit vollem, warmem Ton und vielen Verzierungen interpretiert von Astrid Schweitzer, die in ihrer Jugend mehrfach bei »Jugend musiziert« gewonnen hatte. Begleitet wurde sie am Keyboard von Marko Simonowski, der vielseitigste Musiker der Gruppe, mit einer opernreifen Stimme und Strahlkraft an der Trompete. Seine Virtuosität auf der Blockflöte zeigte sich bei einem Bartok-Hirtentanz des Flötenensembles. Dieses hatte auch zwei Stücke aus der Region ausgewählt: den »Rosenheimer Hochzeitsmarsch« und einen Landler der Grassl-Musikanten aus Berchtesgaden.
Eine große Bandbreite präsentierte die Blechbesetzung: Ob beim Zwiefachen-Potpourri, dem von Simonowski an der Trompete wundervoll gezogenen »Gummi-Mambo«, »Summertime« von George Gershwin oder dem Strauß-Walzer »Wiener Blut« - immer war das Zuhören der reinste Genuss.
Jedem der sieben Vollblutmusiker, darunter Schlagzeugerin Lourdes de Melo, die in allen Besetzungen mitspielt, gebührte der frenetische Beifall. Nach dem innig vorgetragenen Abschiedslied »A ganze Weil« sangen die sympathischen Künstler als Zugabe unter anderem das auf die bekannte Schlagermelodie »Sierra Madre« eigens für den Anlass gedichtete Lederhosenlied »Le- da, Leda Hosn san sche«. vm